Im Rahmen des Anti-Adventkalenders 2025 habe ich den Text Maria Immaculata geschrieben und dazu Anleihen von Franz Kafkas Texten genommen. So wie Josef K. im Buch „Der Prozess“ lasse ich Maria als tragische Figur auftreten, die nicht weiß, was ihr geschieht.
Während Josef K. eines Morgens aus unbekannten Gründen verhaftet wird, muss Maria damit klarkommen, dass ihr die Erbsünde und damit einhergehend wesentliche Rechte aberkannt wurden. Sie versucht alles, die Befleckung zurückzubekommen, scheitert aber an der übermächtigen Bürokratie.
Maria Immaculata

Vermerk:
Die Eingabe 241/09A der Antragstellerin Maria Immaculata wird gemäß §07a-x abgelehnt.
Begründung: Die Antragstellerin Maria I., Aktenkürzel M/I-0815, ist auserwählt, über die Generationen hinweg als Vorbild für die erwartete weibliche Grundhaltung zu dienen. Sie ist auserkoren, die Stabilisierung eines patriarchalen Systems zu unterstützen und:
- zu schweigen,
- zu dienen,
- zu gehorchen,
- Bedürfnisse zurückzustellen,
- keine Beschwerden vorzubringen,
- keine Ansprüche zu erheben,
- keine Rechte einzufordern
- geduldig und dankbar
- jede auferlegte Rolle widerspruchslos auszuführen.
Nach dem mysteriösen Verschwinden einer älteren und alleinstehenden Frau namens Maria Immaculata fand ihre Nachbarin folgende Tagebuchaufzeichnungen, mit denen selbst die Behörde in Nazareth nichts anfangen konnte.

- Tag 25013, Abend – Rotweinfleck auf weißem Kleid
- Tag 25014, Morgen – Kleid ist unbefleckt
- Tag 25014, Abend – Fettfleck auf weißem Tischtuch
- Tag 25015, Morgen – Tischtuch ist unbefleckt
- Tag 25016, Abend – Fettfleck auf weißem Strumpf
- Tag 25016, Morgen – Strumpf ist unbefleckt
Ihr wurde entzogen:
- Die Erbsünde *
- Ihr Glaube
- Die Möglichkeit, Gabriel wegzuschicken
- Die Möglichkeit, NEIN zu sagen
- Ein Ehemann in ihrem Alter
- Ein Ehemann, der eine echte, intime Beziehung wollte – und konnte
- Ein Zuhause
- Eine Geburt im Kreis der Frauen ihres Umfelds
- Weitere Kinder
- Eine Schwiegertochter
- Enkel
- Urenkel
- Familienfeste
- Ein Sohn, der sie achtete
- der sie nicht öffentlich zurechtwies: „Was willst du von mir, Frau?“
- der sie nicht relativierte: „Wer den Willen meines Vaters tut, ist meine Mutter“
- der sie nicht einem Jünger übergab: „Siehe, deine Mutter“
- Ein Sohn, der sie überlebte
- Ein Tod im Kreise ihrer Familie
- Ein Sohn, der an ihrem Grab das Kaddish sprach
* Unbefleckte Geburt Mariä: Maria ist als einziger Mensch von der Erbsünde frei („ohne Makel“) lt. katholischem Glauben.
** Kaddish: Lobpreis Gottes; Totengebet, das von den Hinterbliebenen für ihre verstorbenen Angehörigen gesagt wird.
Impuls:
Frag dich:
- Wo sage ich Ja, obwohl ich Nein sagen will?
- Wo ordne ich mich unter, nur des lieben Friedens willen?
- Wo glaube ich, keine Rechte zu besitzen oder sie nicht durchsetzen zu können?
- Wo unterstütze ich Frauen, denen ihre Rechte genommen oder vorenthalten werden?
Überlege, wie es wäre, in solchen Momenten bewusst zu wählen und dich nicht der Autorität zu beugen.
Ende des Adventkalender-Texts.
Maria Immaculata ist eine Erfindung der katholischen Kirche.
Die Mutter des Wanderpredigers Jesus war wohl eine einfache Frau, die in Nazareth lebte – einem kleinen Dorf in Galiläa mit etwa 400 Einwohner:innen. Der Glaube dort war traditionelles Judentum.
Diese jüdische Frau und Mutter wurde in über 2000 Jahren ein zentraler Teil des katholischen Storytellings.
Während Frauen generell als Menschen zweiter Klasse betrachtet wurden und teilweise noch immer werden, hat die katholische Kirche sie aufs Podest gehoben. Ihr wurden vier Dogmen gewidmet:
431 (Konzil von Ephesus): Maria als Gottesgebärerin
Maria bekam den Ehrentitel: Mutter Gottes oder Gottesmutter
Für alle anderen Frauen: Werdet Mütter; das ist euer Zweck; stellt eure Bedürfnisse hintenan. Lob ja – Bezahlung oder Einfluss: nein.
649 (Lateransynode): Maria als Jungfrau – vor, während und nach der Geburt
Maria empfing Jesus auf übernatürliche Weise. Die Geburt erfolgte, ohne die Jungfräulichkeit Mariäs zu beeinträchtigen und sie blieb auch nach der Geburt Jungfrau.
Für alle anderen Frauen: Ihr seid Sünderinnen. Beeinträchtigt. Selbst eine Geburt befleckt euch!
1854 (Papst Pius IX. in der Bulle Ineffabilis Deus): Maria als von der Erbsünde bewahrter Mensch
Maria wurde von Anfang an, im ersten Moment ihrer Empfängnis durch ihre Mutter Anna, durch ein einzigartiges Gnadengeschenk Gottes von der Erbsünde bewahrt, um würdig zu sein, den Erlöser zu gebären.
Mir fällt dazu ein: Grooming!
Die Gottesmutter und immerwährende Jungfrau ist gemäß katholischem Dogma
- unbefleckt
- makellos
- rein
Für alle anderen Frauen: Ihr seid unwürdig, befleckt und unrein! Ihr solltet euch ständig optimieren!
1950 (Papst Pius XII. in der Apostolischen Konstitution Munificentissimus Deus): Maria wird mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen
Für alle anderen Frauen: Seid untertänig und gehorcht, dann werdet ihr im Jenseits auch belohnt.
So wurde Maria, die jüdische Frau, zum Ideal und Vorbild für die vielen Frauen, mit dem Zweck, die Frauen klein, untertänig und als billige Arbeitskräfte ohne Rechte zu halten, die nie klagen oder sich beschweren und deren Hauptzweck es ist, Kinder in die Welt zu setzen und die Familien- und Sorgearbeit zu leisten.
Fazit: Du findest, dass du oder dein Weihnachten nicht gut genug seid, du dich nicht genug optimiert hast und das sogenannte „Fest der Liebe“ bei dir nicht stromlinienförmig, friedlich, erfreulich oder besinnlich abläuft?
Mach das, was für dich richtig ist!
Die Geschichte der „Heiligen Familie“ ist ein zweckgebundenes und emotional aufgeladenes Storytelling (vom Feinsten), das auf die Trademark der katholischen Kirche einzahlt.