Dieser Text ist allen tüchtigen Frauen gewidmet.
Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass du eine tüchtige Frau bist. Dass du – obwohl du einen Namen hast – in der anonymen Masse der tüchtigen Frauen untergehst, ohne die die Welt nicht einen Tag existieren könnte.
Frau der Arbeit, aufgewacht!
frei nach Georg Hewegh
Und erkenne deine Macht!
Alle Räder stehen still,
wenn dein starker Arm es will.

Un du akerst, un du zeyst,
frei nach Chaim Zhitlowsky
Un du fiterst, un du neyst,
Un du hamerst, un du shpinst,
Zog, mayn froy, vos du fardinst?
Lob der tüchtigen Frau
Den vollständigen Text aus Sprüche 31,10-31 kannst du hier als PDF lesen.
Wem eine tüchtige Frau beschert ist, die ist viel edler als die köstlichsten Perlen.
Sprüche 31, 10
Als Tamar zu mir kam, sah ich eine schöne, erfolgreiche und starke Frau – aber auch eine Frau, die müde war. Die es satt hatte, immer zu geben und so wenig zurückzubekommen. Die nicht länger mit ein wenig Lob abgespeist werden wollte.
- Ich stehe vor Tagesanbruch auf und versorge meine Kinder und meinen Mann mit Essen
- Ich koche und backe
- Ich kümmere mich um warme Kleidung für die ganze Familie
- Ich nähe Decken und Kleider
- Ich fertige Röcke und Gürtel
- Ich kaufe und verkaufe Textilien und Lebensmittel
- Ich erwerbe Äcker und lege Weinberge an





- Ich kümmere mich um die Finanzen und arbeite auch nachts, wenn alle anderen schon schlafen
- Ich unterstütze Arme und Bedürftige
- Ich führe den Haushalt und leite das Unternehmen
- Ich strahle Würde und Zuversicht aus, auch wenn ich mich erschöpft und leer fühle
Mein Mann sitzt in den Torhallen und diskutiert im Rat mit anderen Männern. Sie treffen wichtige Entscheidungen, während ich arbeite, ihn ernähre und finanziere. Seine Freunde schlagen ihm lachend auf die Schulter und gratulieren ihm – zu mir. Zu Hause, nachdem ich alleine den Abwasch gemacht und die Küche geputzt hatte, sagte er zu mir:
„Viele Frauen erwiesen sich als tüchtig, doch du, liebste Tamar übertriffst sie alle. Du sollst vom Ertrag deiner Hände etwas bekommen, denn sogar im Stadttor rühmen sie deine Werke!“
In der Kanzlei von Dr. Tirza
Nachdem ich Tamar zugehört hatte, war ich sprachlos. Meine vier Schwestern und ich hatten seinerzeit von Mose unseren Erbteil gefordert – und nach göttlicher Intervention auch bekommen. Aber im Grunde genommen hatte sich seit über 3000 Jahren nicht wirklich etwas geändert.
„Ich will die Scheidung, sagte Tamar. Er hat seine Versprechen nie eingehalten. Alles, was er jemals gesagt hat, waren nur leere Worte. Und genauso leer fühle ich mich heute.“
Sie reichte mir ihre Ketubbah:

Tamar zitterte – ob vor Wut oder vor Trauer konnte ich nicht mit Bestimmtheit erkennen. Sie fuhr fort: „Er meint, ich sollte „etwas“ vom Ertrag meiner Hände bekommen, wie eine Sozialhilfeempfängerin, die um eine Beihilfe ansucht. Ich bin ja „nur“ Hausfrau und Mutter und habe nebenbei ein wenig im Geschäft ausgeholfen, im Grunde genommen „nichts“ gearbeitet. Ich soll „einen kleinen Anteil“ bekommen, während er den Löwenanteil für sich behalten will, damit er in den Torbögen gefeiert wird.“
Die Klage
„Paragraph 49 Ehegesetz“, sagte ich, „lupenreine Eheverfehlung und daher Scheidung wegen Verschuldens.“
„Eine schwere Eheverfehlung liegt insbesondere dann vor, wenn ein Ehegatte schweres seelisches Leid zugefügt hat“, ergänzte Baruch beflissen und tippte auf die Stelle im Gesetzbuch, das er wie ein Magier aus dem Nichts unseres papierlosen Büros herbeiprojiziert hatte.
Manchmal geht er mir furchtbar auf die Nerven und ich muss mir immer vor Augen halten, dass sein ehemaliger Chef der mürrische Jeremias war, der unermüdlich die Katastrophe ankündigte, die dann noch dazu eintrat.
„Er wird der Scheidung nicht zustimmen“, klagte Tamar.
„Ganz bestimmt wird er das“, sagte ich. „Du bist hier in guten Händen.“
Baruch wollte etwas einwenden – aber ich signalisierte ihm, zu schweigen. Er musste lernen, die Verwünschungen und Unheilsdrohungen, die ihm Jeremias Tag für Tag und Jahr für Jahr diktiert hatte, ad acta zu legen und eine etwas positivere Einstellung einzunehmen. Schließlich waren wir hier in Wien. Und Schriftrollen verwendeten wir auch schon seit längerer Zeit nicht mehr.
Baruch begann zu schreiben:
Klageschrift
Der Beklagte hat sich anlässlich der Eheschließung urkundlich verpflichtet, der Klägerin zu „dienen, sie in Ehren zu halten und zu versorgen“.
Tatsächlich hat die Klägerin über Jahrzehnte allein den Haushalt geführt, die Kinder sowie den Beklagten versorgt, ein Handelsunternehmen aufgebaut und sämtliche relevanten Vermögenswerte (Acker, Weinberg, Textilhandel) allein erwirtschaftet.
Der Beklagte hingegen ging im selben Zeitraum einer Tätigkeit nach, die sich am ehesten als „Sitzen im Stadttor und Diskutieren mit anderen Männern“ umschreiben lässt – eine Beschäftigung, die zwar gesellschaftliches Ansehen, jedoch keinen messbaren Beitrag zum Familienvermögen erbracht hat.
Anträge
1. Scheidung der Ehe gemäß § 49 EheG aus dem alleinigen Verschulden des Beklagten, insbesondere wegen Verletzung der ehelichen Beistandspflicht durch anhaltende, wirtschaftlich folgenlose Anwesenheit in den Torbögen der Stadt;
2. Billige Aufteilung des ehelichen Vermögens gemäß §§ 81 ff. EheG, unter Berücksichtigung, dass dieses zur Gänze auf den Beitrag der Klägerin zurückgeht;
3. Kostenersatz durch den Beklagten.
Samson – Head of Security
Immer, wenn es um heikle Scheidungs- oder Unterhaltsklagen geht, lasse ich Samson das Erstgespräch mit dem gegnerischen Mandanten führen. In aller gebotenen Höflichkeit, versteht sich.
Offiziell steht „Head of Security“ auf Samsons Visitenkarte. Übersetzt heißt das: der Mann, der hingeht, wenn jemand ein Problem mit Zuhören hat oder partout unsere Sichtweise nicht akzeptieren möchte. Wenn wir jemandem klarmachen müssen, dass er sich von unserer Mandantin in Zukunft besser fernhalten sollte. Samson ist der Mann fürs Grobe, den jede Kanzlei braucht, die etwas auf sich hält.
Die meisten kennen seine Geschichte – Philister, Eselskinnbacken, die Stadttore von Gaza, die er einmal eigenhändig aus den Angeln gehoben und ein paar Kilometer weiter wieder hingestellt hat (manche fanden das übertrieben). Und die Sache mit den Haaren und seiner toxischen on-off-Beziehung mit Delilah.
Apropos Haare: Er trägt sie heute wieder lang. Seine Freundin ist Friseurin. Wie diese Beziehung funktioniert, ist mir ein absolutes Rätsel – aber sie schneidet ihm offenbar nie etwas ab, und er kommt jeden Montag bestens gelaunt ins Büro.
Was ich an Samson schätze: Er ist – im Gegensatz zu Baruch – kein Mann der vielen Worte. Er muss auch selten viel sagen oder tun. Meistens reicht es, wenn er sich neben jemanden setzt.

Am Stadttor
Ich schickte Samson ans Stadttor, um ein ernstes Wort mit Tamars künftigem Ex-Mann zu reden. Zeit für Tachles.

Bei der nachmittäglichen Dienstbesprechung erzählte er uns, dass alles gut verlaufen war und er keinerlei Zweifel daran hegte, dass Tamars Mann die Scheidungspapiere unterschreiben würde.
Samson fand ihn an seinem Stammplatz – wie er nicht anders erwartet hatte.
„Für dich“, sagte er und stellte einen kleinen Handkoffer ab. „Tamar hat das Nötigste eingepackt. Zahnbürste, Kleidung, du weißt schon.“
Der Mann starrte auf den Koffer, dann auf Samson, dann wieder auf den Koffer. „Was soll das heißen? Wer bist du überhaupt und was willst du von mir?“
„Das soll heißen: du wohnst ab heute woanders.“ Samson legte einen Zettel obenauf. „Airbnb. Schön ruhig, hat Tamar gesagt. Schon gebucht, schon bezahlt. Drei Nächte – danach bist du auf dich gestellt.“
„Du musst dich irren. Meine liebste Tamar. Sie würde doch nicht einfach …“
„Doch, würde sie.“ Samson setzte sich neben ihn. Die Bank ächzte. „Der Rest deiner Sachen wird geliefert. Die Scheidungspapiere auch. Du solltest das Haus besser nicht mehr betreten. Hätte auch keinen Sinn; die Schlösser wurden schon ausgetauscht.“

„Wie weiß ich überhaupt, dass du nicht lügst“, jammerte Tamars Mann. „Meine Tamarle würde mich doch nicht rauswerfen …“
Wenn ich dir einen persönlichen Rat geben darf, sagte Samson. „Wenn eine Frau sagt, es ist aus – dann glaubst du das besser und hältst dich in aller Zukunft von ihr fern und behelligst sie nicht mehr. Wenn du etwas wissen willst, dann ruf Dr. Tirza an, sie vertritt ab sofort Tamar in allen Angelegenheiten. Sollte ich dich in der Nähe von Tamar sehen, dann …“
„… dann was?“
Samson ignorierte ihn, stand auf und klopfte ihm auf die Schulter – ein wenig fester als nötig. „Tamar lässt dich grüßen und wünscht dir Gesundheit und ein langes Leben. Diese guten Wünsche solltest du besser nicht in den Wind schlagen.“
Samson ließ den Koffer stehen und machte sich auf, zu gehen. „Ach, bevor ich es vergesse. Das hast du damals Tamar versprochen“:

Die Männer am Tor, die mit offenem Mund und wie gebannt auf die Szene gestarrt hatten – Samson ist unzweifelhaft eine imposante Erscheinung – klappten ihre Kinnladen wieder zu. Die Unterhaltung wollte nicht mehr so recht in die Gänge kommen.
Ich gratulierte Samson zum erfolgreichen Gespräch und insgeheim freute ich mich, dass er begann, nicht mehr ganz so wortkarg zu sein.
Ein paar Monate später
Ich saß mit meinem Morgenkaffee da und las die Wirtschaftsseiten, als mir ein Name ins Auge sprang: Tamar. Sie war zur Unternehmerin des Jahres gekürt worden und stellte stolz ihren Handelsbetrieb mit über 200 Mitarbeitenden vor. Sie sah glücklich aus. Das müde Lächeln von damals war einem strahlenden Lächeln gewichen.
Tamars Mann hatte in die Scheidung eingewilligt und war – wie ich fand – großzügig abgefunden worden. Samson hatte Recht behalten. Er hatte sich nie wieder bei Tamar blicken lassen.
Kaleb erzählte mir, dass er kurz nach der Trennung von Tamar sofort angefangen hatte, eine andere „tüchtige“ Frau zu suchen und offenbar damit auch erfolgreich gewesen war. Ich seufzte. Die Fälle würden uns nicht ausgehen. Vielleicht hatte sich die Prophezeiung an unseren Vorvater Abraham gar nicht auf die Nachkommen bezogen, sondern auf die vielen tüchtigen Frauen …
… und ich werde die tüchtigen Frauen überaus zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand …
frei nach Genesis 22,17
Ich stand auf und fühlte mich plötzlich melancholisch. Es war wieder Zeit, einen kleinen Abstecher nach Meran zu machen und Paolo zu treffen. Für Samson und Baruch waren es ein paar Tage Urlaub für die Chefin, über die sie nicht weiter nachdachten. Nur Kaleb, dem nie etwas entging, schaute mich jedes Mal skeptisch an, wenn ich die Reise nach Südtirol antrat.

Kaleb ist von der alten Garde, konservativ bis in die Knochen und das Konzept „ein Mann für gewisse Bedürfnisse“ entspricht so gar nicht seiner Vorstellung. Er sagt nie etwas, aber ich weiß, dass er mich nur zu gerne unter der Chuppa sehen würde. Verheiratet mit einem verwitweten Kinderarzt oder distinguierten Psychiater. Ginge es nach Kaleb, hätte ich einen verlässlichen und bodenständigen Mann an meiner Seite, ein rechtschaffenes Mitglied der Gemeinde – und nicht einen 15 Jahre jüngeren Liebhaber, der es gerade noch geschafft hat, einer Sekte zu entkommen.
Ich sehe das anders. Ich habe schon genug in der Wüste gelitten. Bin durchs Meer und durch endlose Einöden gewandert. Mein vulkanroter Alfa Romeo wartet nur darauf, endlich über das Timmelsjoch hinunter nach Meran zu jagen.
Begriffs- und Personenerklärung
Dr. Tirza – Wiener Rechtsanwältin, die biblische Randfiguren vertritt und ihre Fälle aus heutiger österreichischer Rechtssicht aufarbeitet.
Baruch – Tirzas „Head of Office“, ehemals Schreiber des Propheten Jeremias, neigt zu Unheilsahnungen, die er sich erst noch abtrainieren muss.
Samson – Tirzas „Head of Security“, bekannt für Stadttore aus den Angeln heben und eine komplizierte Beziehung zu einer gewissen Delilah.
Kaleb – Tirzas Lead Investigator, ehemals im Einsatz in Jericho, konservativ und Tirza in Sachen Privatleben kritisch zugewandt.
Ketubba – der jüdische Ehevertrag, der dem Mann Pflichten gegenüber seiner Frau auferlegt – unter anderem Versorgung, Schutz und Ehre.
Eschet Chajil – hebräisch für „tüchtige Frau“, Titel des Lobliedes aus Sprüche 31.
Tachles reden – ohne Umschweife direkt zur Sache kommen; Klartext sprechen.
Chuppa – der Baldachin, unter dem ein jüdisches Brautpaar bei der Trauung steht, sinnbildlich auch für die Ehe selbst.
Billige Aufteilung – juristischer Fachbegriff aus dem österreichischen Ehegesetz, der eine gerechte (nicht zwangsläufig gleiche) Verteilung des ehelichen Vermögens meint.
§ 49 EheG – die österreichische Gesetzesbestimmung zur Scheidung wegen Verschuldens eines Ehepartners.
Wenn du einen biblischen Fall für Dr. Tirza hast, für den du schon lange Gerechtigkeit wolltest oder wenn du findest, dass eine Person oder eine Gegend (so wie Nod) nicht ausreichend oder falsch in den biblischen Texten erwähnt wurde – melde dich bei mir – oder hinterlasse hier einen Kommentar.
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