12 von 12: Mein 12. Februar 2022 – Costa Rica Edition

12 von 12 Februar 2022

Heute ist Samstag, 12. Februar 2022. Das ist der 43. Tag des gregorianischen Kalenders und somit verbleiben 322 Tage bis zum Jahresende. Mein Mann und ich sind in Playa Samara, an der Pazifikküste in Costa Rica. Die Sonne scheint den ganzen Tag ungetrübt vom blauen Himmel. Sonnenaufgang ist um 6:02 und Sonnenuntergang um 5:50. Wir sind in unserem Ferienhaus, das ca. 2 km außerhalb vom Ort auf einem Hügel liegt. Aufgeweckt werden wir durch die Geräusche in der Natur, vor allem die lauten Howler Affen, die schon vor Sonnenaufgang mit ihrer Nahrungssuche und Kommunikation beginnen. Hier stehen wir kurz nach Sonnenaufgang auf. Am Morgen ist die Internetverbindung meistens am besten und diese Zeit will ich natürlich nutzen.

#01: Ein Nagetier namens Mona Lisa

Auch in Costa Rica beginnt der Tag mit dem Gang ins Badezimmer. Über der Tür hängt ein mehrdeutig dreinblickendes Nagetier. So ganz kann ich seinen Gesichtsausdruck nicht interpretieren. Das Lächeln erscheint mir hintergründig. Haben wir es hier mit einem Mona Lisa Nagetier zu tun?

#02: The Greatful Dead’s Jerry Garcia’s Himmel-fart

Im Badezimmer, genauer gesagt, am WC sitzend, fällt mein Blick auf Jerry Garcia, der als penisloser, dafür aber mit Gitarre bestückter Engel von der Decke schwebt. An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass für die Dekorationsgegenstände im Haus ausschließlich mein lieber Mann verantwortlich ist. Wie schon meine geschätzte Bloggerkollegin Yvonne Schudel hinreichend ausgeführt hat, sind Penisse (im Vergleich zu Gitarren) ohnehin überbewertet. 

#03: Kaffee in allen Lebenslagen, am besten aus der Lieblingstasse

Zeit für das Frühstück. Es gibt Müsli für meinen Mann und schwarzen Kaffee für mich. Essenstechnisch beginnt mein Tag erst mit dem Mittagessen, weil ich 16:8 intervallfaste. Leider habe ich meine Lieblingstasse nicht dabei und muss daher den Kaffee aus einer ganz „normalen“ Tasse trinken. Als Ausgleich für so viel schreckliche Normalität verwendet mein Mann den „Good-Morning-Asshole“ Becher; dieser ist ein Geschenk seiner Tochter. Der schräge Humor liegt eindeutig in der Familie.

Im Urlaub zelebrieren wir das Frühstück. Wir sitzen gemütlich zusammen und diskutieren Themen wie: „Sollten Pissoires verboten und in WCs für Frauen umgewandelt werden?“ oder „Würde es Sinn machen, analog den Park-Sheriffs, auch Piss-Sheriffs anzustellen, die auf der Donauinsel patroullieren?“ Frühstückszeit ist dieses Jahr gleichzeitig Deutsch-Stunde, damit die Deutsch Kenntnisse meines Mannes nicht völlig einrosten.

#04: Unser ästhetisches Wohnzimmer (mit der aufgerollten Matte)

Kein Morgen ohne Roland Liebscher-Bracht. Ich mache jeden Tag meine Dehnungsübungen. Die Matte steht aufgerollt hinter dem Sessel und muss von mir täglich wieder ausgebreitet werden. Mein lieber Mann ist der Ansicht, sie zerstöre die Gesamtästhetik des Raums. Ich argumentiere, dass das Blau der Matte wunderbar mit dem Blau des Teppichs harmoniert. Er kontert, dass der Blick auf die Matte eine seltene und unheilbare Augenkrankheit bei ihm auslösen könnte. Ich bin am Ende mit meinem Latein (was äußerst selten vorkommt) und so rolle ich die Matte leise murrend wieder auf.

#05: XII – The Hanged Man

Wie immer am 12. eines Monats ziehe ich auch heute die XII – Der Gehängte. Die Karte stammt diesmal aus dem Gay Tarot Deck und zeigt den Augenblick nach dem Absprung, aber vor dem Eintauchen ins Wasser. Der Schwimmer hat den festen Boden verlassen und schwebt nun zwischen den Elementen. Das Bild beschreibt die XII perfekt – die Person ist schon gestartet, aber noch nicht angekommen; sie hängt noch in der Luft.

Im kleinen Büchlein, das dem Deck beiliegt, ist folgendes zu lesen:

Lebe jeden Augenblick. Gehe vollständig in der Gegenwart auf. Mach dich nicht von Zielen abhängig. Sieh die Dinge aus einem neuen Blickwinkel.

Der Satz: „Mach dich nicht von Zielen abhängig“ mutet erst einmal seltsam an. Wir alle haben Ziele, ein Motto des Jahres, vielleicht sogar ein Vision-Board und arbeiten jeden Tag daran, unsere Ziele zu erreichen. Ich glaube, die Karte erinnert uns daran, nicht zu verbissen an einem Ziel festzuhalten. Manchmal ist es wichtig, den Absprung zu wagen, loszulassen und etwas ganz anderes zu starten. Auch Ziele haben ein Ablaufdatum. Der Zeitraum, wo das Alte schon zu Ende ist, aber das Neue noch nicht begonnen hat, ist manchmal schwer auszuhalten. Aber die XIII – Ende und Neubeginn – ist nur mehr einen Augenblick entfernt.

#06: Rundumadum beginnt die Wildnis

Gleich hinter dem Haus beginnt die Wildnis. Wir haben hier eine Bananenstaude, einen Zitronenbaum, jede Menge Palmen und andere tropische Bäume. Bei unseren Nachbarn gibt es auch Mangobäume.

#07: Besuch der Coatis (Nasenbären)

Die Coati-Clans kommen mehrmals täglich auf „Besuch“ und trinken vom Pool. Am Abend hören wir immer wieder wild kämpfende Coatis. Viele der älteren Tiere haben Narben oder abgebissene Schwänze und schauen aus wie Krieger nach einer erbitterten Schlacht. Zwei Iguanas leben ebenfalls ganz in der Nähe.

#08: Down-town Samara: Fast erwarte ich, Jack Reacher zu treffen.

Der Ort ist – wie viele andere Beach-Towns hier – nichts Besonderes. Es gibt Restaurants, Bars, Geschäfte, eine Reinigung und viele Stände, die allen möglichen Krempel verkaufen. Dr. Freddy hat ein gut ausgestattetes Medical Center, in dem er hauptsächlich Touristen oder andere Patienten, die eine Kreditkarte besitzen, behandelt.

Mein Mann meint, Orte wie Samara schauen aus „like they were shit out of a moving train”. Das Zitat stammt von seinem Vater, der im zweiten Weltkrieg von Georgia nach Texas verlegt wurde und dabei Alabama durchqueren musste. Ich bin schon neugierig, was mein Stiefenkel Julian (ich kann es kaum fassen, dass ich eine Stiefgroßmutter bin!) bezüglich Alabama sagen wird. Wir erwarten ihn am 15. hier bei uns. Bisher sind wir davon ausgegangen, dass er einen Job als Hedgefonds-Manager (oder so etwas Ähnliches) an der Wallstreet hat. In seinem letzten Mail hat er jedoch erzählt, dass er Möbel nach Mobile, Alabama geliefert hat. Mehr davon gibt’s in meinem nächsten Monatsrückblick.

#09: Die ruchlosen Petanque-Spieler*innen (Mann mit Ring = Daniel)

Heute sind wir bei den Nachbarn Pétanque spielen. Das funktioniert so ähnlich wie Boule, d.h. wir werfen Kugeln. Ich kann mir die Regeln ohnehin nicht merken und warte immer, bis jemand zu mir sagt: „Uli“, das klingt dann wie das französische „Julie“ und ich weiß, jetzt bin ich dran mit dem Werfen. Daniel versaut am Ende das Match, indem er versucht, eine Kugel des gegnerischen Teams mit einem brutalen Wurf aus dem Weg zu katapultieren. Dabei trifft er jedoch die kleine Zielkugel (Piggy), die auf Nimmerwiedersehen aus dem Spielfeld ins Laub geschleudert wird. Alle Suchmaßnahmen enden erfolglos.

Die Geschichte des Kugelspiels geht bis ins Jahr 460 v. Chr. zurück, als der griechische Arzt Hippokrates von Kos ein mit Steinkugeln gespieltes Spiel lobend erwähnte.

Mehr als 2000 Jahre später, nämlich 1629, gibt es in Frankreich sogar ein gerichtliches Verbot des Kugelspiels, denn Boule verführt angeblich „zu lasterhaften Ausschweifungen und soll auch Ursache sonstiger Unverschämtheiten sein“. Lasterhafte Ausschweifungen lassen uns hier trotz Hitze kalt; wir wollen nur eines: Gewinnen!

#10: Wir machen uns auf den Weg nach Cangrejal.

Nach dem Petanque-Spiel haben wir keine Lust zum Kochen und wir machen uns nach Cangrejal auf, wo wir uns mit Abendessen eindecken.

#11: Take-away von unserem diesjährigen Stammlokal La Perla in Cangrejal

Covid hat auch in Samara viel geändert. Einige Restaurants sind umgezogen, andere gibt es nicht mehr. Auch unsere Samstags-Abendessen-Runde hat sich aufgelöst, weil nun fast alle zuhause essen. Die Soda La Perla wurde uns von einer Freundin empfohlen und wir sind schon fast so etwas wie Stammkunden geworden. Heute holen wir Arroz con Camerones, und Camarones al Ajillo. Zuhause stellen wir fest, dass bei meinen Knoblauchgarnelen wieder Pommes dabei sind. Wie man überhaupt auf die Idee kommt, als Beilage zu Garnelen Pommes zu servieren, ist mir schleierhaft. In (seiner Ansicht nach) perfektem Spanisch sagte mein Mann zudem bei der Bestellung: „Arroz con los dos, por favor!“ Leider ohne das erwünschte Ergebnis. Die Garnelen und der Salat waren dennoch sehr lecker.

#12: Der Manager von Super New China Samara hat mir versichert, dass weiße Suppen vom Regal genommen werden. Hier sieht man noch die wenigen Restbestände.

Wir lassen den Tag gemütlich mit Stracciatella Eiscreme ausklingen und diskutieren (wohl beeinflusst vom lasterhaften Boule-Spiel) wichtige Dinge, wie den gigantischen Erfolg der Pornoindustrie. Hin und wieder verlange ich von meinem Mann Antworten auf Fragen wie: „Warum sind die meisten (gefassten) Verbrecher männlich?“ oder „Was fasziniert Männer an Pornofilmen?“ Um falsche Vermutungen gleich im Keim zu ersticken: Mein Mann ist ein weder ein Mafia-Boss (soweit ich weiß) noch ein Konsument von stupiden Filmen ohne Handlung, aber ich finde, als Vertreter des männlichen Geschlechts hat er mir dennoch Rede und Antwort zu stehen.

Er kontert auch gleich mit einer fiesen Gegenfrage: „Wusstest du, dass bei Sexszenen Kartoffelsuppe als Sperma-Ersatz verwendet wird?“ Das wusste ich nun tatsächlich nicht, gibt mir aber sofort ein flaues Gefühl in der Magengrube. Und was viel schlimmer ist, ich werde in Zukunft wohl Kartoffelsuppe (und alle anderen weißen Suppen) von meinem Menu-Plan streichen müssen. Mit einem sauren „Thanks for the info“ verlasse ich die Veranda und schreibe meinen 12von12 Artikel.

3 Gedanken zu „12 von 12: Mein 12. Februar 2022 – Costa Rica Edition

  1. Ich habe Tränen gelacht, Uli! Großartig geschrieben, wie immer :-)! Wie gut, dass auch in Costa Rica nicht alles rund läuft, sonst wäre ich ja viel zu neidisch auf dich. So bleibe ich doch lieber hier, im weit entfernten Europa und esse mit viel Genuss meine orange gefärbte Suppe!

  2. Liebe Uli ich bin zufällig auf deinen blogartikel geraten und total fasziniert von deinem Schilderungen aus Costa Rica. Das Modell später einmal längere Zeit an einem anderen Ort als im kalten Deutschland zu leben, kennen wir schon von meinem Schwiegervater (Kreta). Aber auf Costa Rica wäre ich nicht gekommen. Bin neugierig auf weitere Berichte von dir.

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