Was ist horror vacui

Ein leeres Regal - kein Grund für Horror Vacui

Updated: 17. Juni 2021

Horror vacui kommt aus dem Lateinischen und bedeutet Angst vor der Leere.

Ich glaube, es war Marla Cilley in ihrem Buch „Die Magische Küchenspüle“, wo sie sagt: „GERÜMPEL KANN MAN NICHT AUFRÄUMEN!“ Ich finde, das ist einer der besten Sätze, die ich bisher zum Thema „Ordnung schaffen“ gelesen habe.

Bevor man sich an die Verschönerung macht, muss erst einmal Platz – und eine gewisse Leere – geschaffen werden!

Entrümpeln ist schwierig, emotionale und physische Schwerarbeit – und wird umso schwieriger, je zögerlicher man vorangeht. Viele Menschen wollen das Entrümpeln daher überspringen und sofort mit der neuen Ordnung beginnen. Es wird sortiert, gefaltet, gestapelt und nach Farben sortiert. Es werden neue Boxen und Ordnungssysteme angeschafft und jeder Stauraum ausgenützt.

Das funktioniert aber nur in den seltensten Fällen und schon gar nicht, wenn die Wohnung schon aus allen Nähten platzt.

Meine leere Wohnung

Ich kann mich noch gut erinnern, als ich in meine jetzige Wohnung übersiedelt bin. Sie war, bis auf die Küche, das Bad und einen Einbauschrank, leer. Ein grauer Teppichboden undefinierbarer Qualität war in allen Zimmern ausgelegt. Meine Tochter, 5 Jahre alt und ihre gleichaltrige Freundin sind in die Wohnung gestürmt und von Zimmer zu Zimmer gelaufen und haben gar nicht mehr aufgehört, in rasendem Tempo hin- und her zu rennen und auf dem Teppichboden herumzukugeln.

Da ist mir kurz der Gedanke gekommen: Wie schön und entspannend wäre es, ohne Möbel zu leben. Oder zumindest nur mit den allernotwendigsten Möbelstücken in einfacher Qualität. Der Gedanke kam und ging – denn natürlich hatte ich mich schon mit der Einrichtung beschäftigt und Möbel bestellt. Der Teppichboden wurde durch Parkett ersetzt und es kamen Lampen, Vorhänge und Hausrat. Fülle statt Leere.

Woher kommen diese ganzen Dinge

Sind viele Wohnungen deshalb so voll, weil wir – vielleicht unbewusst – an horror vacui – der Angst vor der Leere – leiden? Jeder Schrank, jede Schublade und jedes Regal wird gefüllt. Es scheint so, als ob leere Flächen magisch Dinge anziehen. Und das gilt nicht nur für physische Sachen, sondern auch für digitale Daten und unsere Termine. Auch unsere Mailboxen, Webspaces und Terminkalender füllen sich beständig, sodass kaum mehr Freiraum vorhanden ist.

Mehr und mehr

Kauf mich! Nimm mich mit! Mit mir bekommst du Freiheit, Anerkennung und du gehörst dazu, suggeriert uns die Werbung Tag für Tag. Und so kaufen wir Glück, Freundschaft, Liebe, Harmonie, Fitness, ja sogar die ewige Jugend und die Fähigkeit zu fliegen bekommen wir noch obendrauf.

Über die Jahre hinweg sammelt sich so mehr und mehr an. Stört ja nicht, hat im Schrank Platz, im Keller, am Dachboden. Bis die Wohnung aus allen Nähten platzt und der Ruf nach mehr Stauraum laut wird. Selfstorage Unternehmen boomen. Die Dinge warten auf den Tag Irgendwann.

Wer sind wir ohne Dinge

Existieren wir auch ohne Dinge? Wer sind wir ohne sie? Haben wir eine Vergangenheit auch ohne Erinnerungsgegenstände? Das sind Fragen, die sich beim Entrümpeln stellen.
Wenn ich alle Urlaubsfotos lösche, existieren diese Urlaube noch oder sind sie mit alt+delete dann auch für immer weg?
Wenn ich alle Bücher entsorge, bin ich dann noch die gebildete Leserin?

Leere zulassen

Hab keine Angst vor der physischen Leere! Schaffe Leere und trenne dich von Dingen und Verhaltensweisen, die nicht mehr hilfreich sind. Die Leere ist die Voraussetzung dafür, etwas Neues zu schaffen.

Entrümpeln ist nicht Selbstzweck, sondern das Vehikel zu einem erfüllten Leben, wo wir die Herrinnen der Dinge sind und nicht umgekehrt.

Experimentiere mit der Leere. Wie fühlt es sich an, wenn du einmal alle Dekorations-Gegenstände wegräumst oder alle Bilder von den Wänden eines Zimmers nimmst? Lasse immer etwas Leere in deinen Räumen zu – ein Stück leeres Regal oder eine leere Schublade.

So kann dein Freiraum wachsen.

 

 

 

 

 

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