Die Stahlstadt Linz
Montag, der 12. September 2022 ist der 255. Tag des gregorianischen Kalenders, somit verbleiben 110 Tage bis zum Jahresende. Heute fahren mein Mann und ich in die oberösterreichische Landeshauptstadt Linz. Das Wetter ist perfekt. Es steht uns ein sonniger Herbsttag bevor.
Linz ist der Underdog unter den österreichischen Städten und hatte lange Zeit das Flair einer kulturlosen und verpesteten Industriestadt mit immer verstopften Einfallsstraßen. So ganz hat sich Linz noch immer nicht von diesem schlechten Ruf befreit, obwohl sich die Stadt durch viele Umweltschutzmaßnahmen und Kulturinitiativen sehr gewandelt hat. Linz ist dennoch nicht das erklärte Ziel für Touristen. Dann doch lieber Wien oder Salzburg. Zeit für einen Check! Und was würde sich besser dazu eignen, als ein „12von12“-Artikel.

Unser Verkehrsmittel der Wahl ist die Westbahn, die pünktlich um 8:40 den Wiener Westbahnhof verlässt und uns in 1 Stunde und 15 Minuten nach Linz an der Donau bringt. Nach all den Wirren und Problemen mit den niederösterreichischen Bussen einfach eine Wohltat!

Wir sind erst einmal erstaunt über das italienische Flair in der Innenstadt. Noch sind die Wolken dicht, aber das wird sich schon bald ändern.

Wir gehen hinauf auf den Schlossberg, von wo aus man einen wunderschönen Blick auf die Stadt hat. Rechts hinten sieht man die Rauchschwaden des Voestalpine Stahlwerks, eines der größten Unternehmen Österreichs mit über 50.000 Mitarbeiter*innen.

Hier gibt es schon deutlich mehr blauen Himmel zu sehen.

Heute ist Montag und viele Geschäfte sind geschlossen. Etwas, das wir in Wien nicht (mehr) kennen. Die Linzer Altstadt war früher eine sehr verrufene Gegend mit berüchtigten Nachtlokalen und beherbergte den Rotlichtbezirk. Im Jahr 2022 ist davon nicht mehr viel übriggeblieben. Das Viertel mit den wunderschönen historischen Fassaden beherbergt nun Cafés, Boutiquen, Kunsthandwerk und Galerien.

Die Reichengasse ist über einen unscheinbaren Eingang begehbar. Einen Durchgang gibt es allerdings nicht mehr; sie endet als Sackgasse. Ohne unseren Tourguide Angela hätten wir sie ganz sicher nicht gefunden.

Nach so viel Sightseeing sind wir hungrig und gehen ins Gasthaus Keintzel. Ein traditionelles Wirtshaus mit fantastischen, frisch gemachten Speisen und ein Geheimtipp, denn viele dieser Gastwirtschaften gibt es leider nicht mehr.

Gleich ums Eck ist die k.u.k. Hofbäckerei. Ein sehr uriges Lokal mit ganz viel Kaiser-Lokalkolorit und mit einer wunderschön altmodisch getäfelten Außenfassade.

Vielleicht hatten wir einfach Pech, vielleicht war es ein Montagsprodukt, aber die Linzer Torte hat leider gar nicht geschmeckt. Hart, kalt, bröselig – wie frisch aus dem Tiefkühlfach. Zumindest der Kaffee war gut.

Die Vormittagsmesse ist vorüber und so können wir nun ungestört den Dom besichtigen. Der Mariä-Empfängnis-Dom ist vom Fassungsvermögen die größte Kirche Österreichs. Im Kircheninneren hätten 17.000 Menschen Platz. In der Krypta nochmals 3.000. Der Turm ist mit knapp 135 m jedoch zirka 2 Meter niedriger als der Südturm des Wiener Stephansdoms. Der Legende nach durfte in der k.u.k. Monarchie kein Gebäude höher sein als der Dom zu St. Stephan.
Der Dom war vor genau 89 Jahren und 1 Tag Tatort des Mordes am damals 48-jährigen Obermesner Franz Bachbauer. Als er am 11. September 1933 gegen 12.55 Uhr die über Mittag geschlossenen Tore des Domes aufsperren wollte, fiel ihm eine Bewegung in der Taufkapelle auf. Plötzlich stand ihm ein Mann gegenüber, der ihn mit einer Pistole bedrohte und wenige Sekunden später auf ihn schoss.
Der lebensgefährlich verletzte Mesner schleppte sich mit letzter Kraft zur Sakristei. Dort brach er zusammen.
Bachbauer wurde ins nahegelegene Spital der „Barmherzigen Schwestern“ gebracht, wo er noch bei Bewusstsein war und trotz starker Schmerzen eine Beschreibung des Unbekannten geben konnte: Der Täter sei etwa 20 bis 30 Jahre alt, war etwa 175 Zentimeter groß, hatte zurückgekämmtes dunkelblondes Haar und trug einen grauen Anzug. Dann verschlechterte sich der Zustand des Mesners, das Projektil hatte die linke Lunge, die Milz, das Zwerchfell und eine Niere verletzt.
Eine erfolgreiche medizinische Behandlung dieser Verletzungen war 1933 ohne sofortige Operation, Bluttransfusion und Antibiotika nicht möglich: Franz Bachbauer starb am Nachmittag des 12. September 1933 an Blutverlust und Infektion. Der Täter konnte nie ausgeforscht werden und auch die Tatwaffe wurde nie gefunden.
Bei Franz Bachbauers Begräbnis drei Tage später wurde auch für die Seele des Täters gebetet, „dass die Gnade Gottes sie zur Reue und Einkehr bringe“. Ich hoffe, dass die katholische Kirche gut für Bachbauers Witwe und Kinder gesorgt hat, denn schließlich ist er in Ausübung seiner dienstlichen Pflichten gestorben.
Der Fall wird auch im Podcast Spur der Verbrechen behandelt, an dem auch unser Guide Angela mitgearbeitet hat. Den Podcast kann ich allen True Crime Fans sehr empfehlen.

Diese Tafel (gewidmet vom Reichsbund der katholischen deutschen Jugend Oberösterreichs) mutet befremdlich an, war es doch Dollfuß und seine Partei, die 1933 das Parlament ausgeschaltet und diktatorisch per Notverordnung regiert hatten. Dollfuß stand dem italienischen Faschismus und der katholischen Kirche nah.
Darunter ist eine Zusatztafel angebracht: Die hier angebrachte Gedenktafel für den von Nationalsozialisten ermordeten Bundeskanzler Dr. Engelbert Dollfuß spiegelt die Situation des Jahres 1934 wider. Die katholische Kirche fühlte sich damals der von Dollfuß vertretenen politischen Kraft verbunden. Die Gedenktafel ist aus heutiger Sicht keine Zustimmung zur damaligen Politik.

Linz ist die Landeshauptstadt von Oberösterreich und mit 207.247 (Stand 1.1.2022) nach Wien und Graz die drittgrößte Stadt Österreichs. Sie ist namensgebend für die Linzer Torte, deren Rezept als das älteste bekannte Tortenrezept der Welt gilt. Ich nehme mir vor, bald selbst eine Linzer Torte zu backen.