Der Traumdeuter ist im Rahmen des Anti-Adventkalenders 2025 entstanden. Ich lasse zwei alte Männer in der Berggasse in Wien aufeinandertreffen: Dr. Freud und Josef, den „Ziehvater“ von Jesus.
Niemand hat das Recht zu gehorchen.
(Hannah Arendt, Historikerin und politische Philosophin)
Der Traumdeuter
Wien, Berggasse 9, im Dezember 1937
Eisiger Wind fegt durch die Berggasse, als es bei Dr. Freud klingelt.
Ein Mann mit einem geschnitzten Stab steht draußen. Er ist viel zu dünn gekleidet für diesen kalten Wintertag. Als Anna ihn ins Arbeitszimmer ihres Vaters führt, lässt er sich müde aufs Sofa sinken.
Seit einer Ewigkeit plagt mich dieser Traum, sagt Josef.
Ich war mit Miriam verlobt und bald schon sollte die Hochzeit gefeiert werden. Da erfuhr ich, dass sie schwanger war. Nicht von mir! Es wurde getuschelt. Zuerst noch leise und hinter vorgehaltener Hand, dann ganz offen. Zuerst wollte ich nicht glauben, dass mich Miriam so hintergangen hatte und dass das brave und fromme Mädchen nur gespielt gewesen war.
Mein Rabbi kam, um mit mir zu reden, aber ich ging ihm aus dem Weg. Wahrscheinlich dachte er, er könnte mich mit salbungsvollen Worten trösten und mir eine Witwe in meinem Alter vermitteln.
Ich beschloss, mich in aller Stille von Miriam zu trennen. Ich war zutiefst gekränkt, aber ich bin kein Mann der vielen Worte und ich wollte kein Aufheben machen. Nichts ist mir mehr verhasst, als unnötige Aufmerksamkeit. Bemitleidet zu werden, als der betrogene Fast-Ehemann, der den Brautpreis bezahlt hatte, aber jetzt doch nicht unter der Chuppa stehen würde.
Ich lag lange wach im Bett und wälzte mich unruhig hin und her. Schließlich fiel ich aber doch in ein Art Dämmerschlaf.
Im Traum erschien mir ein gewaltiger Engel mit Schwert und sprach:
Josef, du Sohn Davids, fürchte dich nicht, Miriam zu dir zu nehmen; denn was sie empfangen hat, das ist vom Geist der Heiligkeit. Sie wird einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben, denn er wird sein Volk retten von ihren Sünden. Auf dass erfüllt wird, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht: Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären.
Als ich vom Schlaf erwachte, tat ich, wie mir der Engel befohlen hatte, und nahm Miriam zu mir.
Ich wollte nicht, aber ich hatte Angst,
zu widersprechen,
den Befehl nicht auszuführen,
die Prophezeiung nicht zu erfüllen,
das Volk nicht zu retten.
Ich hoffte auf eine normale Ehe, aber Miriam zeigte mir die kalte Schulter.
Immer, wenn ich versuchte, mich ihr anzunähern, erschien mir der Engel im Traum.
Jedes Mal furchterregender und angsteinflößender als das vorherige Mal.
Er sagte nichts, starrte mich nur an.
Und so verzichtete ich auf meine Ansprüche,
und auf mein Begehren.
Ich begann mich zu schämen, weil ich immer noch zweifelte.
Ich wurde ein Gläubiger.
Ich sagte mir:
Du hast das Richtige getan.
Du hast nur einem Befehl Folge geleistet.
Du warst kein verantwortlicher Führer; nur eine Figur in der zweiten Reihe.
Niemand kann sich in die Zeit und die Lage versetzen, in der ich war.
Im Ofen brennt noch immer ein flackerndes Feuer, in dessen Schein das ausgemergelte Gesicht des Professors sichtbar wird. Wie gerne würde er in Wien bleiben. Hier in dieser Wohnung seinen letzten Atemzug tun, die ihm für fast 50 Jahre Heimat war. Aber er weiß, dass er in die Fremde gehen muss, um in Freiheit sterben zu dürfen.
Impuls:
Wo in deinem Leben sagst du dir: „Ich habe keine Wahl“ oder „ich muss mich so entscheiden“?
Frag dich:
Wo möchtest du bewusst anders wählen und was würde passieren, wenn du es tust?
Ende des Adventkalender-Texts
