12 von 12: Mein 12. September 2023: Mamas 93. Geburtstag

Dienstag, der 12. September 2023 ist der 255. Tag des gregorianischen Kalenders, somit bleiben 110 Tage bis zum Jahresende. Heute vor 93 Jahren wurde meine Mama geboren. Der 12. September 1930 ist ein Freitag und Mama hat diesen Tag immer als schlechtes Omen für ein hartes und entbehrungsreiches Leben gesehen. An einem Freitag geboren zu sein, war damals im tief katholischen Mühlviertel (Oberösterreich) schon einmal ein schlechter Start, denn jeder Freitag erinnerte an den Karfreitag und war ein Tag der Trauer und des Fastens.

Mama ist das fünfte Kind (von insgesamt acht Kindern) und wird in eine arme Bauernfamilie hineingeboren.

#01: Das älteste Foto, das ich von meiner Mama habe. 1931 als Baby am Arm ihrer Mutter.
#02: Der Bauernhof der Familie, 1942.

Zeitungen oder Radio gibt es in ihrer Familie nicht; ja nicht einmal Schuhe für alle Kinder. Eine Tageszeitung kostet damals 7 Groschen. Das Leben in ihrer Familie ist geprägt von Arbeiten und den „Lehren“ der katholischen Kirche. Wien ist so abwegig weit weg, so wenig erreichbar, wie für mich heute ein anderes Sonnensystem.

Mama wird in die Zeit der Weltwirtschaftskrise hineingeboren, die mit dem New Yorker Börsencrash im Oktober 1929 einen ersten Höhepunkt erreicht. Die Menschen haben mit einem starken Rückgang der Industrieproduktion, des Welthandels, der internationalen Finanzströme, mit Bankenkrisen, der Zahlungsunfähigkeit vieler Unternehmen und massenhafter Arbeitslosigkeit zu kämpfen. Soziales Elend und politische Krisen sind an der Tagesordnung.

Die Zeitungen berichten am 12. September 1930:

  • dass ein amtsbekannter Gewalttäter Floridsdorf in Angst und Schrecken versetzt hat, indem er „zur Hetz“ auf Passanten schoss
  • dass Professor Piccard plant, mit seinem Aluminiumluftfahrzeug in eine Höhe von 16.000 Metern aufzusteigen
  • dass bei einer Straßenbahntragödie in Odessa fünf Menschen starben und 50 verletzt wurden
  • dass bei einem Verfahren wegen Irreführung der Kranken, der Richter in zweiter Instanz „zugunsten des Apparats, der 77 Krankheiten heilt“ entschied
  • dass am 7. September 1930 der 228. Dankesgottesdienst der Wiener Fleischhauergenossenschaft stattfand; zum Dank dafür, dass während des Pestjahres 1679 wie durch ein Wunder kein einziger Fleischhauer an der Pest starb
  • dass in Frankreich tongefilmt wird und in den Paramount Studios in Joinville bei Paris Tag und Nacht an der Herstellung von neuartigen Tonfilmen in verschiedenen europäischen Sprachen gearbeitet wird
#03: Zufall? Nicht nur Kim hat heute eine Zugfahrt geplant, auch ich werde die Westbahn nach Amstetten nehmen. Zwar nicht in einem gepanzerten Hochsicherheitszug, aber immerhin. Und am Jahrestag der Beendigung der zweiten Wiener Türkenbelagerung fordert unser Bundeskanzler Nee-Hammer die Beendigung der EU-Gespräche mit der Türkei.

Der 12. September ist nicht nur Mamas Geburtstag, sondern auch der Tag, an dem am Wiener Kahlenberg eine Schlacht entschieden wurde.

Am 12. September 1683, d.h. vor 340 Jahren besiegte ein deutsch-polnisches Entsatzheer unter der Führung des polnischen Königs Johann III. Sobieski die osmanische Armee und beendete die zweite Türkenbelagerung. Ich habe heute in der Früh schon die osmanische Armee gefeiert und eine gute Tasse Kaffee getrunken. Der Legende nach haben die Türken Kaffee in Wien zurückgelassen und somit kann man diese historische Schlacht auch als Beginn der Wiener Kaffeehauskultur ansehen.

#04: Espresso mit Dromedar.

Eine andere Legende besagt, dass Maria, die Mutter von Jesus, ihre schützende Hand über das Entsatzheer gelegt hatte und so den entscheidenden Beitrag zum Sieg geleistet hat. Daher ist der 12. September auch ein Marienfeiertag, nämlich Mariä Namen.

#05: Die kleine Ikone mit der „Virgin Eleusa“ habe ich in Bulgarien gekauft. Eleusa bezeichnet die liebevolle Haltung, Zuneigung und Zärtlichkeit zwischen Mutter und Kind.

Der bäuerliche Kalender markiert Mariä Namen als den Abschluss des Sommers:

An Mariä Namen sagt der Sommer Amen.

Bauernregel

Amen sagt der Sommer heute definitiv nicht, denn es ist strahlend sonnig und heiß. Heute ist der heißeste Tag der Woche. Nur vorübergehend zeigen sich ein paar dünne Wolken. Der Wind ist schwach und die Temperatur klettert auf über 30 Grad. Das Wetter vor 93 Jahren war ein wenig kühler und trüber, aber immerhin erwartete man auch am 12.9.1930 Höchsttemperaturen von 22 Grad.

Ich mache mich auf den Weg zum Westbahnhof, um den 10:08 Zug nach Amstetten zu erreichen.

#06: Wiener Westbahnhof: Der Zug mit Endstation München steht schon bereit und wird gerade noch gereinigt. Ich fahre allerdings nur ins 51 Zugminuten entfernte Amstetten.

Am Bahnhof Amstetten werde ich abgeholt, denn die Verbindungen ins Mühlviertel sind so schlecht, dass darauf „verzichte“, endlos mit Schülerbussen in der Gegend herumzugondeln. Als ich ankomme, ist es schon Mittagszeit.

#07: Es ist Zeit fürs Mittagessen und Mama und ich machen uns auf den Weg in die Cafeteria, wo für uns beide aufgedeckt ist. Mama ist noch immer sehr flott mit dem Rollator unterwegs.

Mama ist mein riesengroßes Vorbild, was positives Denken und Resilienz betrifft. Aufgeben ist für sie keine Option. Trotz starker Sehbehinderung und gravierenden Problemen mit Rücken und Knie macht sie jeden Tag ihre Übungen und geht auch immer noch am Rollator, denn sie will jeden Tag ihre Bewegung machen.

Auch ihr gutes Aussehen ist ihr sehr wichtig und sie geht regelmäßig zum Friseur für ihre Dauerwelle. Jeden Freitag werden ihre Haare außerdem mit Lockenwicklern in Form gebracht.

Sie ist sehr am Weltgeschehen interessiert und hört viel Radio. Mit 93 Jahren ist ihr Verstand und ihr Erinnerungsvermögen so scharf wie eh und je. Sie wäre eine grandiose Mordermittlerin gewesen, wenn sie in einer anderen Zeit und in eine andere Familie hineingeboren wäre.

Mama ist sehr beliebt im Seniorenheim und im ganzen Mühlviertel und hat unglaublich viele Besucherinnen. Manchmal zu viele; denn eines kann sie überhaupt nicht: Nein sagen. Manchmal sage ich scherzhaft zu ihr, dass ich für sie eine Assistentin engagieren werde, die die Telefonate annimmt und die Besucherströme leitet.

#08: Während meine Mama ein Mittagsschläfchen macht, gehe ich zur nahe gelegenen Kapelle Maria Hilf

Die Kapelle Maria Hilf ist von vier Winterlinden umgeben. Bei dieser Baumgruppe handelt es sich um ein wunderschönes Naturdenkmal. Aus der Distanz hat man den Eindruck, dass es sich um einen großen Baum handelt. Das habe ich auch als Kind immer geglaubt. Da die Nachmittagssonne unbarmherzig vom Himmel scheint, mache ich mich bald wieder auf in Richtung Seniorium.

#09: Rückseite des Senioriums. Ich bin auf der Suche nach Schatten.
#10: Auf der Rückseite des Seniorenheims gibt es auch einen kleinen Fischteich, der über die Jahre hinweg mehr und mehr von Schilf überwuchert wurde.

Mama ist nach ihrem Mittagsschlaf wieder aufgewacht und macht sich bereit für das nachmittägliche Geburtstagsständchen, das das Pflegepersonal dem Geburtstagskind darbietet.

#11: Mama bläst die Kerze aus und wünscht sich, noch viele Geburtstage zu feiern. Sie will mindestens 100 Jahre alt werden. Einer ihrer Lieblingspfleger ist Ronaldo (im Hintergrund). Er ist Experte im Massieren und hat auch immer einen guten Witz auf Lager, z.B. dass die Salben gegen Schmerzen auch gut gegen Falten im Gesicht wären. Mama glaubt ihm natürlich kein Wort.

Später am Nachmittag gibt’s für uns noch leckere Brötchen mit Räucherlachs. Dazu trinken wir ein Glas Pfirsichspritzer, der Mama ausgezeichnet schmeckt. Ich habe ihn von einer Weinverkostung in Wolkersdorf mitgenommen und nehme mir vor, bald wieder einmal zum Weingut Rögner zu fahren. Räucherlachs und Prosecco sind für Mama und mich schon eine liebgewordene Tradition, die wir jedes Mal zelebrieren.

Wie immer, vergeht die Zeit so schnell und es ist Zeit zum Aufbruch.

Ich bin wieder am Bahnhof Amstetten und nehme den 18:31 Zug nach Wien. Der Bahnhof wirkt heute wie ausgestorben und auch im Zug finde ich ganz leicht einen Platz.

#12: Bahnhofs“halle“ in Amstetten

Zurück in Wien, arbeite ich noch ein wenig an der Premiere meiner neuen Blog-Serie, den Wohngesprächen. Die erste Wohngesprächige ist die Autorin Birgit Elke Ising, die uns in ihr Wolkenkuckucks-Schreibzimmer mitnimmt und großartige Ein- und Ausblicke gewährt.

Hier findest du ab dem 14.9.2023 die Wohngespräche:

22 Gedanken zu „12 von 12: Mein 12. September 2023: Mamas 93. Geburtstag

  1. Liebe Uli,

    was für ein schöner Artikel mit zauberhaften Bildern. Möge deine Mama noch viele glückliche und gesunde Jahre genießen;🎉🍾🥂!

    Das mit Fleischhauern ist interessant, gibt es doch in letzter Zeit viele Studien darüber, wie wichtig Protein für das Immunsystem ist. In Fakt besteht es aus ca. 1,8 kg Einweiss.

    Übrigens, ukrainische Kosaken sollen eine entscheidende Rolle bei der Befreiung Wiens gespielt haben, und einer von ihnen, Juri Kultschskyj, eröffnete anscheinend das erste Kaffeehaus.

    1. Ganz herzlichen Dank für dein großartiges Feedback. Der Zeitungsbericht über die Fleischhauer hat mich auch aus mehreren Gründen stutzig gemacht. Es gab damals so viele, dass sie sogar in die größere Karlskirche für ihren Dankgottesdienst ausweichen mussten. Jetzt gibt es in Wien kaum mehr Fleischhauer bzw. Fleischhauereien/Metzgereien. Fast alles Fleisch wird in Plastik verpackt und in Supermärkten verkauft. Selbst die regionale Bio-Qualität kann m.M. nach absolut nicht mithalten mit dem Fleisch und den Fleischprodukten, an die ich mich als Kind erinnere.
      Und es stimmt, dass wir Eiweiß brauchen und ich zähle und beobachte auch jeden Tag meinen Eiweißkonsum, denn über längere Zeit zu wenig Proteine zu sich zu nehmen, ist gar nicht gesund.
      Das mit den ukrainischen Kosaken wusste ich nicht … da muss ich gleich weiter recherchieren!
      LG – Uli

  2. Liebe Uli,
    ganz tief berührt hat mich dein Tag. Ich finde es wunderbar, dass du den Bezug zur Geschichte gemacht hast. Deine fitte Mutter erinnert mich an meine Eltern, 96 und 89 Jahre alt. Im November fliegen die beiden nochmals in die Türkei.
    Herzliche Grüße, Birgit

  3. Wunderbar liebe Uli, deine 12 von 12 sind ein wahrer Leckerbissen. Unglaublich schöne und idyllische Fotos von deiner Mutter als Kind und dem Bauernhof … Fein, dass ich sie jetzt auch kennen gelernt habe.

  4. Liebe Uli,

    ich bin so gerührt über Dein Schreiben und die Lebensgeschichte Deiner Mama. Alles Gute nachträglich an sie, so toll, wie fit und „voll dabei“ sie ist.
    Was mir wie immer so gut gefällt an Deinen 12 von 12, dass Du uns Deine Geschichte und auch Geschichtliches zum Text schenkst. Ich freue mich schon auf den Oktober.

    Liebe Grüße, Susanne

    P.S. Den Begriff „Seniorium“ kannte ich nicht, aber er ist ab jetzt mein Favorit dafür😉.

    1. Vielen lieben Dank, Susanne! Mama wird sich sicher freuen, dass „ihr“ Artikel so gut ankommt! Ich werde ihr alles berichten. 🙂
      Ich bin auch ein großer Fan deiner 12-von-12-Artikel und liebe deine so wunderschön gestalteten Fotos.
      LG – Uli

    1. Herzlichen Dank, liebe Birgit! Ich freue mich auch, dass ich endlich den Geburtstag meiner Mutter für ein 12-von-12 hergenommen habe und dass es nun diese Bilder in meinem „Augenblickstagebuch“ gibt.
      LG – Uli

  5. Hallo Uli, du beschreibst das Leben von unserer Mama, ihre Energie und ihren starken Lebenswillen hervorragend.
    Ihre Stärke wurde sicher von ihrer harten Jugendzeit sehr beeinflusst. Das Elternhaus von Mama auf deinem Foto war ja damals äußerst bescheiden. Es gab z.B. nur einen kleinen Ofen aus Eisen im ganzen Haus. Mama freut sich daher auch immer noch über kleine Geschenke, Telefonate und Besuche.
    Ich hoffe, dass wir noch viele gemeinsame Geburtstagein mit ihr feiern können.

  6. Toller Einblick in einen ganz besonderen Tag! Herzlichen Glückwunsch noch nachträglich an die Frau Mama! 93 Jahre, ein sicher sehr bewegtes Leben, war so wohl nicht vorhersehbar bei ihrem Start.
    Liebe Grüße
    Carolin

  7. Ganz viel Geschichte, ganz viel Gefühl und ganz viel Humor, vielen Dank!
    Die 93 nehm ich deiner Mutter nicht ab, sie wirkt jünger, und die 100 schafft sie bestimmt.
    Übrigens Ronaldos Salbe und Falten im Gesicht: Du kennst die Geschichte mit der Hämorrhoiden-Salbe, oder?
    Ich freu mich schon auf die Wohngespräche!

  8. Fantastic photos! And the combo of Mother Mary and the Polish king, Sobieski, can’t be beat! What a couple! And the best thing to come out of the Turkish Belagerung was (trumpets are heard!): coffee and coffee houses where the lazy Wiener can plant his/her
    ass from morning till night, dreaming of whatever that will never come his or her way! Words of wisdom (from Mother Mary): Let it be!

    1. I love the historic relevance of the 12th of September! What I forgot to mention: Salmansdorf, our favorite Heurigenort. I always thought that it originates from Sultan Süleyman, but I had to learn that Salman or Salmann means a notary who was responsible for the land registry.

  9. Die Fotos sind wie immer echt toll geworden, auch die Fotos von den Fotos.

    Mit der Bahn bin ich das letzte Mal vor 3 Jahren gefahren. Aber was ich bestätigen kann ist, dass sich die Bahnhofs“halle“ in Amstetten kein bisschen verändert hat.

    Zu meiner Oma/deiner Mama kann ich nur sagen: „Sie ist eine echte „Pauer“-Frau. Sie geht jeden Tag mit ihrem Rollator aka Mercedes spazieren und kann die besten Geschichten von früher erzählen. Sie hat mich so vieles gelehrt und mich immer (tut sie immer noch so weit es geht) unterstützt.
    Jedes Mal, wenn ich mit ihr telefoniere, reden wir über die Zeit, als ich klein war und wie sehr sie diese Zeit vermisst. Aber wir reden auch über die Dinge im Hier und Jetzt. Oma hat immer ein offenes Ohr für mich.
    Sie ist eine Oma/Mama, die man einfach nur ins Herz schließen kann.

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