Siehe, dies ist der Tag des Gerichts!
Unetaneh tokef – Gebet zu Rosch ha-Schana
An Rosch ha-Schana wird es eingeschrieben
und zu Jom Kippur wird es besiegelt:
Wie viele dahingehen und wie viele geboren werden,
wer leben und wer sterben wird,
wer zu seiner Zeit und wer vor seiner Zeit,
wer durch Wasser und wer durch Feuer,
wer durch das Schwert und wer durch das wilde Tier,
…
doch Umkehr (Teschuwa), Gebet (Tefilla) und Wohltätigkeit (Zedaka) wenden das böse Verhängnis ab

Unsere kleine Firmenfeier zu Neujahr hatte schon vorgestern, am Donnerstag den 10. September stattgefunden, denn dieses Jahr fiel der Beginn von Rosch ha-Schana auf einen Schabbat. Und wie immer vor besonderen Feiertagen ist unsere Kanzlei dann geschlossen, damit meine Mitarbeiter in Ruhe ihre Vorbereitungen treffen können.
Ich saß am Schreibtisch und schaute mir die vielen Glückwunschkarten von ehemaligen Klientinnen an.
“Ich wünsche dir von Herzen ein frohes, gesundes und erfolgreiches neues Jahr! Möge das kommende Jahr so süß werden wie Äpfel mit Honig und dir viele Anlässe zur Freude schenken. Schana Tova!“, las ich auf der Karte, die mir Tamar mit einer kleinen Box knackiger Äpfel und einem Gläschen Honig aus eigener Erzeugung geschickt hatte. Dank meiner und Samsons Hilfe war sie glücklich geschieden und erst kürzlich zur Unternehmerin des Jahres gekürt worden.

Der Piepton signalisierte eine eingehende Whatsapp Nachricht. Paolo. Ich atmete erleichtert auf, denn ich hatte schon tagelang nichts mehr von ihm gehört. Er war mit einer Gruppe Archäologen im Grenzgebiet zwischen Türkei und Irak zu einer Ausgrabungsstätte unterwegs.
“Shana Tova, mia dolcezza! Buon Rosh Hashanah alla mia avvocata preferita. Mi manchi tantissimo. Qui, in mezzo alle pietre, penso solo a te! Non vedo l’ora di rivederti. Mille baci!“
Ich lächelte. Wir hatten ein schwieriges und turbulentes Jahr hinter uns und “schwierig“ war die Untertreibung des Jahres. Nicht im Traum hätte ich damals gedacht, dass ich – die angeblich Männer wie Müll entsorgte – doch noch einmal eine Beziehung haben könnte, die länger als einen Tag dauerte.
Zu jung für dich und ein Muttersöhnchen – Kalebs Urteil.
Latin Lover – Ricki Danzingers Bewertung, die noch immer sauer war, dass es ihr trotz intensiver Bemühungen nicht gelungen war, mich unter die Chuppa zu bringen.
Ehemann – Paolos grenzenlos übertriebene Selbsteinschätzung seines Status, nachdem er es irgendwie geschafft hatte, mir in der Küche einen Ring anzustecken. Auf die zwei koscheren Zeugen und die gültig unterzeichnete Ketubba warte ich noch heute, vom Brautpreis einmal abgesehen, der auch noch nicht auf meinem Konto eingelangt ist. Wie gut, dass ich selbst für mich sorgen kann.
Serpente senza dio – das war ich für Paolos Mutter bis vor kurzem; eine gottlose Schlange, die es auf ihren einzigen Sohn abgesehen hat, auch wenn es gänzlich umgekehrt war.
Folgenreich, schwerwiegend, weitreichend, verhängnisvoll, einschneidend – noch war ich mir nicht sicher, wie meine Bewertung ausfallen würde. Und was das nächste Jahr bringen würde – und ob wir im Buch des Lebens eingeschrieben sein würden.
Ich dachte an die fatale – von mir später in schicksalshaft umbenannte – Nacht in Innsbruck, die mein Leben komplett geändert hatte. Ich dachte daran, wie ich diese Nacht auf einer harten Parkbank zugebracht und mir nichts mehr gewünscht hatte, als ein mächtiger Engel zu sein. Ein Engel, der Paolo beschützte, nachdem ich ihn am Boden liegend in seiner Wohnung zurückgelassen hatte und es nicht wagte, zurückzugehen.
Die Akte Isaak
Ich blickte auf die vor mir liegende Akte. Isaak war vor einigen Tagen in die Kanzlei gekommen. Nach vielen Jahren Therapie in einer psychiatrischen Einrichtung wollte er Akteneinsicht und herausfinden, was damals wirklich geschehen war. Und er wollte wissen, wer seine Eltern waren. Juristisch gesehen war der Fall abgeschlossen, es hatte ein Verfahren und ein Urteil gegeben und Isaaks Eltern oder Zieheltern, je nach dem wie man die Sache betrachtete, waren tot und begraben.
Isaak und seine Eltern Abraham und Sarah lebten damals im flachen Steppengebiet Seewinkel, rund um Illmitz. Sie waren die Anführer einer Aussteiger-Kommune und Gründer eines Kults, stets im Clinch mit den Behörden.

Abraham und Sarah waren mehrmals vor Gericht gestanden, aber jedes Mal war das Verfahren wieder eingestellt worden oder hatte lediglich eine kleine Geldstrafe zur Folge gehabt. Selbst als die beiden eine junge Frau und ihren kleinen Sohn mitten in der Wildnis ausgesetzt hatten, waren sie mit einer Bewährungsstrafe davongekommen. Tenor: Es war ja “nichts“ passiert!
Isaak war der Lieblingssohn, derjenige, der auserkoren war, dem alten Abraham als Führer der Sekte nachzufolgen. Ich ärgerte mich (wie so oft), dass die Kinder- und Jugendhilfe hier nicht schon viel früher eingeschritten war und somit hätte verhindern können, was Isaak später als jungem Mann passiert war.
Vor Gericht gab Isaaks Vater Abraham an, eines Morgens eine Stimme gehört zu haben, die ihm den Befehl gab, aufzubrechen und seinen Sohn Isaak zu ermorden – oder wie er es formulierte: zu opfern.

Nimm deinen Sohn, den einzigen, den du lieb hast, Isaak, und bringe ihn dort zum Hochopfer dar auf einem der Berge, den ich dir nennen werde.
Genesis 22,2
Daraufhin waren er, zwei weitere Kommunenmitglieder und Isaak zu Fuß in Richtung Norden aufgebrochen. Mit dabei war auch ein Esel, dem sie Brennholz aufgeladen hatten und Abraham trug die spätere Tatwaffe, ein großes Fleischermesser, bei sich.

Die Rekonstruktion ergab, dass die Beschuldigten und der Geschädigte wenige Tage vor dem Feiertag Rosch ha-Schana im Morgengrauen aufgebrochen sein mussten. Immer darauf bedacht, den Überwachungskameras auszuweichen. Sie mussten auf den unwegsamen Pfaden des Leithagebirges und schließlich im Wienerwald, abseits der markierten Wege gewandert sein, nachdem sie Wien westlich über die Sophienalpe umgangen hatten. Schließlich gelangten sie zum Weg, der auf den Tempelberg führt.

Die beiden mitangeklagten Kommunenmitglieder behaupteten, am Fuße des Tempelbergs zurückgeblieben zu sein. Sie gaben an, nicht gewusst zu haben, warum der Hauptangeklagte mit dem Geschädigten auf den Tempelberg gestiegen war, denn Abraham hatte ihnen befohlen:
Bleibt hier mit dem Esel.
Genesis 22,2
Meiner Meinung nach eine Schutzbehauptung, die allerdings nicht widerlegt werden konnte. Die Zeugin Rita B., die an besagtem Tag im Gebiet des Tempelbergs unterwegs war, sagte aus, dass die beiden ihr erzählt hatten, Teil einer Theatergruppe zu sein, die bereits für Purim übte. Warum sie dieser Behauptung Glauben schenkte und nicht unverzüglich die Polizei verständigte, blieb ebenso ein Rätsel, wie das, was danach am Tempelberg geschah. Laut Zeuginnenaussage von Rita B. und der Rekonstruktion der Staatsanwaltschaft folgendes:
Dort (am Tempelberg) baute Abraham den Altar, schichtete das Holz auf, band seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar oben auf das Holz. Dann streckte er seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten.
Genesis, 22,9-10

Glücklicherweise kam es dazu nicht. Fakt ist, dass der Hauptangeklagte und der Geschädigte mit blutverschmierten Händen und rauchgeschwärzten Gesichtern vom Berg herunterkamen und nun endlich auf Zeugen trafen, die die Behörden verständigten. Fakt ist außerdem, dass sie am Berg ein illegales Feuer gemacht und ein zufällig vorbeikommendes Mufflon geschlachtet und anschließend verbrannt hatten.
In der Anklageschrift las sich das folgendermaßen:
Der Beschuldigte steht im Verdacht, durch das unbefugte Erlegen und unbetäubte Schlachten eines Mufflon-Widders die Vergehen des Eingriffs in ein fremdes Jagdrecht (§ 137 StGB) sowie der Tierquälerei (§ 222 StGB) begangen zu haben. Durch das anschließende, illegale Entzünden eines Feuers in einem geschützten Waldgebiet ist der Tatbestand des § 174 Forstgesetz – Unbefugtes Entzünden von Feuer im Wald gegeben sowie der Verstoß gegen § 170 StGB – Fahrlässige Herbeiführung einer Feuersbrunst. Durch die thermische Vernichtung des Tierkörpers wird dem Beschuldigten außerdem der Verstoß gegen § 41 Tiermaterialiengesetz (TMG) – Illegale Entsorgung und Verbrennung von Tierkadavern vorgeworfen.

Ich seufzte. Diese Vorwürfe waren keine Kavaliersdelikte und sie wären ganz sicher in einer Gesamtstrafe erschwerend hinzugekommen – nur dass es zu dieser Gesamtstrafe nie gekommen war, weil mehrere Gutachten dem Angeklagten eine schwere Persönlichkeitsstörung und zum Tatzeitpunkt eine akute Psychose bescheinigt hatten.
Abrahams Anwalt stellte die Straftaten gar nicht in Abrede.

Es war aber klar, dass er nur eine Richtung verfolgte – seinen Mandanten als nicht zurechnungsfähig, aber harmlos, in einer Einrichtung mit minimaler Sicherheit unterzubringen; in einem Seniorenheim. Aussage: Es war ja – wieder einmal – “nichts“ passiert. Isaak lebte. Und angeblich hörte der Beschuldigte am Tempelberg wieder eine Stimme.
Da rief ihm ein Bote des Ewigen vom Himmel zu: «Abraham, Abraham! Strecke deine Hand nicht aus gegen den Knaben und tu ihm nichts»
Genesis, 22,11-12
Isaak war zu verstört, um ausgiebig befragt zu werden. PTSD. Und die wichtigste Zeugin, Abrahams Ehefrau Sarah konnte nicht vernommen werden, denn sie war kurz nach der Rückkehr des Beschuldigten tot aufgefunden worden. Todesursache: Herzversagen. Ich sah es vor mir: Alte Frau, liegt tot im Bett, der Arzt, gestresst, macht, wenn überhaupt, nur eine oberflächliche Beschau. Sie war alt, also Herzversagen. Case closed.
Ich musste mich schon wieder ärgern, denn die Behörden waren – wohl aufgrund der Feiertage – äußerst lasch vorgegangen und hatten Abraham erst Tage nach der Meldung in Gewahrsam genommen.

Blieb noch die Frage, ob es sich bei dem Ehepaar Abraham und Sarah überhaupt um die leiblichen Eltern von Isaak handeln konnte, was ich angesichts ihres geschätzten Alters zum Tatzeitpunkt bezweifelte – aber das musste bis nach den Feiertagen warten.

Ich schaute auf die Uhr. Höchste Zeit, um zu Kaleb und Achsa zu gehen, wo mich ein köstliches Festmahl erwarte. Gut, dass er nicht wusste, dass ich im Büro war. Kaleb ist konservativ und gläubig. An einem so hohen Feiertag zu arbeiten, wäre für ihn ganz und gar ausgeschlossen. Noch dazu, wo dieser Feiertag zusätzlich Schabbat ist.
“Tirza, du ziehst negative Gedanken an, wenn du am Neujahrstag in alten Kriminalfällen wühlst,“ hörte ich ihn vorwurfsvoll sagen. “Dieser Tag, der „Kopf des Jahres“, bestimmt die mentale Ausrichtung der folgenden zwölf Monate.“ Und er würde mich eindringlich davor warnen, an Rosch ha-Schana traurig oder auch nur melancholisch zu sein – auch wenn ich noch so viele Sachen zu bereuen hätte und auch wenn die Welt voll von Kriminalfällen wäre.
Ich stand auf und schloss die Tür hinter mir. Endlich kam auch bei mir festliche Stimmung auf und ich war überzeugt, dass der vor mir liegende Abend ein guter werden würde – und hoffte, dass auch das kommende Jahr für uns alle Freude, Glück und Erfolg bereithalten würde.

Schana Tova U’metuka – Ein gutes und süßes Jahr
Le’schana tova tikatevu – Mögest du (für ein gutes Jahr/im Buch des Lebens) eingschrieben sein
Begriffs- und Personenerklärung
Dr. Tirza – Wiener Rechtsanwältin, die biblische Randfiguren vertritt und ihre Fälle aus heutiger österreichischer Rechtssicht aufarbeitet.
Samson – Tirzas „Head of Security“, bekannt für Stadttore aus den Angeln heben und eine komplizierte Beziehung zu einer gewissen Delilah.
Kaleb – Tirzas Lead Investigator, ehemals im Einsatz in Jericho, konservativ und Tirza in Sachen Privatleben kritisch zugewandt.
Achsa – Kalebs Tochter, sie studiert Wasserwirtschaft an der Boku in Wien und Kaleb kann ihr nichts abschlagen.
Ketubba – der jüdische Ehevertrag, der dem Mann Pflichten gegenüber seiner Frau auferlegt – unter anderem Versorgung, Schutz und Ehre.
Chuppa – der Baldachin, unter dem ein jüdisches Brautpaar bei der Trauung steht, sinnbildlich auch für die Ehe selbst.
Der Tempelberg – liegt im Gemeindegebiet St. Ändrä-Wördern
Wenn du einen biblischen Fall für Dr. Tirza hast, für den du schon lange Gerechtigkeit wolltest oder wenn du findest, dass eine Person oder eine Gegend (so wie Nod) nicht ausreichend oder falsch in den biblischen Texten erwähnt wurde – melde dich bei mir – oder hinterlasse hier einen Kommentar.
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