Gestern war ich erst sehr spät ins Bett gekommen, denn Paolo war kurz vor Mitternacht in meiner Wohnung aufgetaucht. Er hatte seine Doktoratsarbeit erfolgreich vor der Kommission der Sapienza verteidigt und hatte Rom sofort in Richtung Garten Eden verlassen, wie er meine Wohnung scherzaft nannte.
Als ich heute ins Büro kam, war es bereits nach 9:00 Uhr und Baruch, mein Assistent, kam auf mich zu. Für Montag, den 12. Oktober hatte ich erst einen Termin am Nachmittag eingetragen, zumindest soweit ich mich erinnerte.
„Eva möchte mit dir sprechen“, informierte mich Baruch. Ich schaute ihn verwundert an, denn ich konnte mich an keine Klientin namens Eva erinnern. „Du wolltest doch, dass ich mich nach einer neuen Reinigungskraft umschaue“, sagte Baruch. „Heute früh hat die Gemeinde angerufen und mir Eva empfohlen und sie auch gleich vorbeigeschickt. Es wäre dringend, dass sie einen Job findet, denn sie und ihr Mann wurden delogiert, haben sie mir gesagt“. Ich schaute Baruch fragend an. „Ich meine, wir sollten ihr eine Chance geben“, antwortete er mit einem knappen Lächeln.
Eva saß auf einem der Besucherstühle in meinem Büro. Eine füllige, großbusige Blondine, Haare definitiv gefärbt. Mitte Fünfzig, schätzte ich. Sie stand auf und reichte mir die Hand. Fester Händedruck. Ich hatte eine verhärmte und verzweifelte Frau erwartet, aber sie strotzte vor Selbstbewusstsein. Ohne etwas zu sagen, bekam ich sofort das Gefühl, hier nur die Zweite zu sein. Ich war vor dir da, ich weiß viel mehr als du und das wird auch in alle Ewigkeit so bleiben, signalisierte sie mir wortlos.
„Hast du Erfahrungen …“, „… als Reinigungskraft“, wollte ich hinzufügen, aber sie schnitt mir das Wort ab. „Ich habe jede Menge Erfahrungen, mehr als du dir vorstellen kannst.“ Sie schaute mich mit ihren dunklen Augen an und ich hatte das Gefühl, hypnotisiert zu werden …

Mein Name ist Eva – oder Chava – je nachdem, wo du von mir gelesen hast. Ich bin die Frau, die angeblich an allem Schuld hat. Die dafür verantwortlich gemacht wird, dass DU heute nicht entspannt im wunderschönen Garten Eden sitzten kannst und dort ewig lebst – ohne auch nur einen Finger rühren zu müssen. Sie schaute mich herausfordernd an.
Kein stressiger Job.
Kein nerviger Haushalt.
Kein unzufriedener Mann.
Keine quengelnden Kinder.
Keine kaputte Waschmaschine.
Keine wie auch immer gearteten Mühen.
Keine Krankheiten und keine Schmerzen.
Und kein Tod.
Nur ewiges Leben in unendlicher Liebe und Freude.

ER sprach (zum Menschen = Adam):
Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen; aber vom Baum des Wissens um Gut und Böse, von dem sollst du nicht essen, denn an dem Tag, da du davon ißt, mußt du sterben.
Genesis 2, 16-17
Spoiler vorweg: Als ER das sagte, war ich noch nicht geschaffen! ER hat diese Warnung mir gegenüber nie ausgesprochen, denn ich war ja noch nicht da. ER war zu dieser Zeit ständig mit dem Beta-Modell Adam beschäftigt, der jede Menge Macken aufwies. Ein typisches Montagsmodell, wenn du mich fragst, auch wenn man später behaupten würde, er sei an einem Freitag produziert worden. Außerdem wusste Adam nichts mit sich anzufangen. Er brachte allein nichts auf die Reihe. Und er beschwerte sich unablässig.

Selbst der EWIGE musste schließlich einsehen, dass Adam ohne Unterstützung und Hilfe nicht einmal im Garten Eden überleben konnte. Es war Zeit für das Alpha-Modell, für mich, Eva.
Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, ich will ihm eine Hilfe machen, ihm zur Seite.
Genesis 2, 16-18
Als ich schließlich auf der Bildfläche erschien, sah ich sofort, dass Adam ein schwaches Wesen war. Er lungerte die meiste Zeit antriebslos herum. Ich begann, unseren Alltag zu organisieren, immer in der Hoffnung, auf andere Menschen zu stoßen. Ich sammelte Früchte von diversen Bäumen und Sträuchern ein und probierte sie aus. Von einem verbotenen Baum wusste ich nichts!





Eines Tages kam der EWIGE zu Besuch. ER suchte nach Adam, konnte ihn aber nicht finden. Sicher war er unter irgendeinem Busch eingeschlafen. Als ER ihn endlich ausfindig gemacht hatte, fragte ER Adam:

Hast du von dem Baum gegessen, von dem ich dir geboten, nicht zu essen?
Genesis 3, 11
Adam fiel nichts besseres ein, als mich zu beschuldigen.
Das Weib, das du mir zugesellt, sie gab mir von dem Baum, und ich aß.
Genesis 3, 12
ER wurde wütend und stieß jede Menge Verwünschungen aus. Noch immer brachte Adam den Mund nicht auf, um mich zu verteidigen. Zu mir sagte der EWIGE:
In Schmerz gebärst du Kinder. Zu deinem Gatten kehrt dein Hunger, und er wird dich beherrschen.
Genesis 3, 16
Diese Prophezeiungen erwiesen sich glücklicherweise als haltlos. Wir haben die moderne Medizin erfunden und wir haben Schmerzmittel. Und dass zum Gatten der Hunger kehrt, ist schlichtweg falsch. Frag eine beliebige Frau, die mehr als ein paar Monate verheiratet ist: Sie wird dir bestätigen, dass der Hunger nach dem Gatten schon beträchtlich nachgelassen hat und die Kurve steil nach unten zeigt. Nach der Geburt des ersten Kindes ist er bei vielen am Nullpunkt angelangt.
Wenn man schon von Hunger reden will, dann ist es umgekehrt. Der Mann kehrt nach Hause zurück – nicht, weil er seiner Frau anhangen will – sondern weil er sich ein warmes Abendessen erhofft. Wenn sich denn überhaupt eine Frau für ihn findet. Am gemütlichen Sofa gibt er sich dann der Illusion hin, sie zu beherrschen.
Auch den noch immer stummen Adam verfluchte der EWIGE:
Verflucht sei der Boden um deinetwillen. In Mühsal sollst du von ihm essen, alle Tage deines Lebens. Und Dorn und Distel lasse er dir sprießen. Das Kraut des Feldes sollst du essen. Im Schweiß von deinem Anlitz ißt du Brot. Bis du zum Boden wiederkehrst.
Genesis 3, 17-19
Aber war das wirklich ein Fluch – oder vielmehr ein im Fluch versteckter Segen? Eine Warnung, dass wir den Ackerboden besser schätzen und beschützen sollten?
Heute haben wir Traktoren und Maschinen, Dünger, Abholzung, Monokulturen, in Plastik verpacktes Obst und Gemüse … Vertreibung von Menschen, die den großen Konzernen im Weg sind … Versiegelung des Ackerbodens … und bald schon Roboter, die unsere Arbeit machen werden. Und Menschen, die alles dafür tun, um ewig zu leben. Selbst wenn alle anderen sterben müssen.
Da sprach der EWIGE, Gott: «Nun ist der Mensch geworden wie einer von uns, wissend um Gut und Böse; und daß er jetzt nicht seine Hand ausstreckt und auch vom Baum des Lebens nimmt und ißt und dann ewig lebt!» Und er vertrieb den Menschen und ließ östlich vom Garten Eden die Kerubim lagern und die Flamme des kreisenden Schwertes, um den Weg zum Baum des Lebens zu bewachen.
Genesis 3, 22,24


„Wie ich höre, hast du einen jungen Liebhaber, Tirza“, hörte ich von Ferne Evas Stimme und ich konnte kaum glauben, dass sie bei einem Bewerbungsgespräch derart unverschämt werden würde. Woher sollte sie außerdem davon wissen? Ich wollte etwas erwidern, aber sie lächelte mich mit einer tiefen, fast mütterlichen Nachsicht an.
„Hab keine Angst vor einem Neuanfang“, sagte sie, stand auf und nahm den Eimer und den Wischmopp, die neben ihr gestanden hatten. Im Hinausgehen warf sie noch einen kritischen Blick auf meine Topfpflanze und meinte:

Als ich aufblickte, sah ich, dass Baruch in mein Büro gekommen war. Hatte ich etwa geschlafen und nur geträumt? Draußen hörte ich den Staubsauger rauschen. Baruch legte mir einen Arbeitsvertrag auf den Schreibtisch, den ich gedankenabwesend unterschrieb. Ich hörte, wie er mir von schwierigen Familienverhältnissen berichtete, dass die beiden in einem Park gearbeitet hatten, der jetzt endgültig geschlossen wurde, dass es Probleme mit den Kindern gab, einen Sohn, der vor den Behörden geflüchtet war …
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Dr. Tirza, ehemalige Weggefährtin von Moses am Weg ins gelobte Land – jetzt: Wiener Rechtsanwältin, die biblische Randfiguren vertritt und ihre Fälle aus heutiger österreichischer Rechtssicht aufarbeitet.
Baruch – Tirzas persönlicher Assistent, ehemaliger Mitarbeiter von Jeremias.
Eva/Chava – Alpha-Modell und Urmutter
Fotos:
Türkenschanzpark Wien, Donauinsel, Donaukanal bei der Freudenauer Hafenbrücke, bei mir zu Hause – © Uli Pauer
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